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Expert*innen-Interview: Ella Rohwer - Wie findest Du die Balance zwischen Kreativität und Karriere?

Ella Rohwer ist klassisch ausgebildete Cellistin mit hybrider künstlerischer Identität im Bereich Pop, Crossover wie auch Theater und zeitgenössische Musik. Neben ihrer Arbeit als Live- und Studiomusikerin arrangiert und leitet sie Streichensembles in verschiedenen Kontexten. Seit 2023 ist sie auch Geschäftsführerin des PRO MUSIK Verbands, einer Organisation, die sich für die Interessenvertretung freier Musikschaffender einsetzt.

Veröffentlicht am
February 16, 2024
Autor*in
Michael Schütz
Marketing Lead

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Was ist Dein Hintergrund / Deine Geschichte?

Ich bin eine klassisch ausgebildete Cellistin mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik. Allerdings habe ich schon früh abseits meines Studiums andere musikalische Wege eingeschlagen - ich habe mit DJs gespielt, Theatermusik gemacht, viel frei improvisiert und mit Cello und Effekten gearbeitet. Über Kontakte bin ich dann als Cellistin bei Bosse eingestiegen, als er gerade sein "Kraniche"-Album promotete. Plötzlich war auch das Pop-Business eine Option. Das hat mich damals überfordert und ich habe mich entschieden, nochmal ein Studium aufzunehmen, statt selbstständig zu arbeiten, weil ich dachte, dass das der einzige "richtige" Weg ist, beruflich Fuß zu fassen. Ich dachte, dass ich ins Orchester muss. Letztendlich habe ich dann gemerkt, dass meine Stärken viel mehr in der selbstständigen Arbeit liegen, zwischen den Genres und in der kreativen Arbeit. Und mittlerweile bin ich schon seit 10 Jahren als selbstständige Musikerin im Geschäft. Diese Geschichte erzähle ich heute gerne Studierenden an Musikhochschulen, um darauf aufmerksam zu machen, dass "abseits des Weges" oft die interessanten Dinge passieren.

Wie bist Du ins Musikbusiness gekommen?

Mein Vater war Berufsmusiker (Geiger) in einem großen Orchester, und mein Bruder und ich haben früh angefangen, Instrumente zu lernen. Die Entscheidung, dies auch beruflich zu machen, hat sich jedoch erst mit 17/18 abgezeichnet. Damals noch mit der Perspektive, ins Orchester zu gehen. Wirklich "eingestiegen" bin ich vor allem über ein Netzwerk, das ich mir aufgebaut habe, und durch sehr viel Spielen.

Wer waren wichtige Unterstützer*innen, Mentor*innen und Partner*innen auf Deinem bisherigen Weg?

Die Frage finde ich schwer zu beantworten, weil ich meinen beruflichen Werdegang immer als sehr beweglich empfunden habe und viele Menschen Einfluss darauf hatten, dass ich heute dort bin, wo ich bin. Dennoch möchte ich einige hervorheben. Mein erster Lehrer an der HfMT Köln, Standort Aachen, H.C. Schweiker, hat den wichtigsten Grundstein für mein instrumentales Spielen gelegt und mir gezeigt, dass man angstfrei am Instrument sitzen kann - keine Selbstverständlichkeit in einer konservativen, klassischen Ausbildung. Diese Arbeit habe ich mit Petra Keßler im Mentaltraining fortsetzen können. Ohne diese Menschen wäre ich heute eine völlig andere Musikerin. Zudem war Tobias Philippen (Pianist, heute Chef des Theaterverlags schaefersphilippen) an einem Wendepunkt meiner musikalischen Karriere ein wichtiger Kontakt. Er hat mich in Projekte eingebunden und musikalisch unterstützt bei meinen ersten Erfahrungen im Pop-Business mit Bosse. In Bezug auf meine Verbandstätigkeit war zudem Axel Müller, ebenfalls Gründungsmitglied von PRO MUSIK, ein wichtiger Partner. Er hat mich von Anfang an in meinen Ambitionen unterstützt, die Geschäftsführung des Verbands zu übernehmen, und ist mit seiner Erfahrung auf verschiedenen musikalischen und politischen Ebenen ein wertvoller Ratgeber. Ohne ihn wäre ich heute nicht Geschäftsführerin von PRO MUSIK.

Wie sieht Dein Job heute aus?

Ich habe 2021 den Verband PRO MUSIK mitbegründet und bin mittlerweile Geschäftsführerin in Teilzeit für den Verband. Das hat meinen Arbeitsalltag stark verändert. Eine typische Woche besteht dann oft aus zwei vollen Bürotagen, die anderen Tage übe ich vormittags, beantworte nachmittags Mails und spiele am Wochenende oder abends Gigs. Oft fahre ich auch nach Berlin oder zu kulturpolitischen Treffen und Konferenzen in andere Regionen. Insgesamt nimmt das viel Zeit in Anspruch und ist für mich eine besondere Herausforderung, weil ich als Selbstständige gewohnt war, meine Zeiten komplett selbst einzuteilen. Die Arbeit bei PRO MUSIK vervollständigt aber auch meine Arbeit, da sie mir aufzeigt, wie wichtig es ist, strukturelle Probleme in der Szene im Kollektiv anzugehen.

Was sind die wichtigsten Skills in Deinem heutigen Job?

Kommunikation. Gut zu kommunizieren und dabei die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen, ist für mich ein wichtiges Thema. Das betrifft interessanterweise sowohl das Musik machen als auch meine Arbeit im kulturpolitischen Kontext. Wir konzentrieren uns in der musikalischen Ausbildung oft auf die technischen Fähigkeiten am Instrument und weniger auf die Anwendung in der Praxis. Dies zeigt sich in der Szene, indem Berufsmusiker*innen oft sehr individuell und nur im eigenen Interesse handeln. Zudem gibt es oft Konflikte in der Zusammenarbeit mit Auftraggeber*innen und Kolleg*innen. Diese Problematik setzt sich in der Interessenvertretung fort: Wer gelernt hat, nur seine eigenen Interessen wahrzunehmen, wird sich weniger selbstverständlich in eine Interessengemeinschaft begeben und ist weniger bereit, Kompromisse einzugehen. Mein Ziel ist es mit PRO MUSIK aufzuzeigen wie sinnstiftend es sein kann, sich in eine demokratische Struktur zu begeben und dass sich dadurch mehr gemeinsame Interessen durchsetzten lassen.

Was waren für Dich die größten Herausforderungen und Learnings bisher? Was waren “Highs” und “Lows”, die Du teilen kannst?

Die Corona-Pandemie war bisher das härteste "Low" und gleichzeitig hat sich daraus auch die größte Lernerfahrung ergeben. Ich hätte niemals gedacht, in diesem Umfang finanziell von staatlichen Hilfen abhängig zu sein. Ich dachte auch immer, dass ich niemanden brauche, dass ich alles selbst erreichen und verändern kann. Diese Situation war aufgrund der lang andauernden Einschränkungen extrem herausfordernd und hat mich persönlich an meine Grenzen gebracht. Gleichzeitig hat sie aber meine Überzeugung gestärkt, dass wir in der Musikbranche mehr gemeinsam erreichen können und dieses Gefühl eines „Kollektivs“ stärkt mich sehr. Ein „High“ in meiner Karriere war meine erste Erfahrung mit Mentaltraining. Ich habe damit angefangen, als ich begonnen habe, „Auditions“ zu spielen, was mich stark unter Druck gesetzt hat. Als ich bemerkte, welche Energie aus mir entsteht, wenn ich mich nicht durch innere Prozesse blockiere, war das ein echtes „Aha-Erlebnis“ und hat mich euphorisch gemacht. Abgesehen davon ermöglicht es mir heute noch, jede Bühnenerfahrung im „Flow“ zu erleben und zu genießen.

Welche Trends siehst Du in der Musikindustrie, die eine große bzw. wichtige Sache werden könnten?

Der aktuell stärkste Trend ist meiner Meinung nach die Entwicklung hin zu immer mehr Inhalten in immer kürzerer Zeit, gestützt durch KI-generierte Musik. Ich bin gespannt, wie sich diese Kurve weiterentwickeln wird, weil sie meiner Meinung nach in großen Teilen nicht mit inhaltlicher künstlerischer Arbeit kompatibel ist, da diese Zeit braucht.

Was ist Dein Rat an Musiker*innen, die über eine Musikkarriere nachdenken oder bereits erste Schritte getan haben?

In der Musikindustrie heute halte ich es für wichtig, eine gute Balance zwischen inhaltlicher Tiefe und Effizienz zu finden. Aufgrund der immer schneller werdenden Schlagzahl von täglich veröffentlichtem Content ist dies nicht mehr selbstverständlich. Ich halte es jedoch für eine nachhaltige Karriere im Musikbusiness für unerlässlich. Grundsätzlich muss einem klar sein, dass man als Musikerin mehr tut, als seine Zeit am Instrument oder im Proberaum zu verbringen. Hinter dieser Spitze des Eisbergs stecken Akquise, Buchhaltung, Kommunikation mit Auftraggeberinnen, Steuern, Versicherungen und vieles mehr, was erstmal deutlich weniger attraktiv ist.

Vielen Dank für das Interview, Ella :)

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