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Expert*innen Interview: Niklas Nienaß - vom Theater auf die politische Bühne

Niklas Nienaß ist seit Juli 2019 Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament (EP). Als Mitglied des Ausschusses für Kultur und Bildung (CULT) sowie als Gründer der interfraktionellen "Cultural Creators Friendship Group" (CCFG) hat er sich einen Namen als Unterstützer des europäischen Kultur- und Kreativsektors gemacht, wobei sein Schwerpunkt auf einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kulturschaffenden liegt. Insbesondere hat er dabei zuletzt an einem Bericht gearbeitet, der die Stärkung von Musikschaffenden im Musikstreaming-Sektor einfordert.

Veröffentlicht am
June 5, 2024
Autor*in
Michael Schütz
Marketing Lead

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Was ist Dein Hintergrund? Woher kommt Dein Bezug zur Musikbranche und was ist Dein Anliegen?

Ich bin in die Kulturszene gekommen, als ich angefangen habe Theater zu spielen - dilettantisch, aber mit viel Ambition. In dem Kontext haben wir gemeinsam auch ein eigenes Stück produziert und ich war im Chor aktiv. Außerdem bin ich großer Festival- und Konzertgänger, Musik spielt also allgegenwärtig eine große Rolle in meinem Leben. Ich hatte sogar für drei Tage eine eigene Band, aber das nur am Rande.

Beruflich ist es mein Anliegen, dass Künstlerinnen und Künstler frei und unabhängig ihren Beruf ausüben können, ohne wirtschaftliche Zwänge. Ein gutes Einkommen für Kreative ist notwendig, damit wir am anderen Ende Kunst und Kultur weiterhin genießen können und ihr grundlegender Einfluss auf Vielfalt, Demokratie und kritischen Diskurs in unserer Gesellschaft bewahrt und weiterentwickelt werden kann.

Wie ist das Thema Musikstreaming auf Deiner Agenda gelandet?

Tatsächlich bin ich zum Thema Musikstreaming über einen TED Talk von Björn Ulvaeus von ABBA und Berichte aus der Szene gestoßen, die ich mir privat angeschaut hatte. Ich habe mich dann genauer informiert und Künstlerinnen gefragt, wie ihr Arbeitsalltag aussieht und was sie konkret verdienen. Das hat mich nicht losgelassen, ich bin tiefer eingestiegen und habe mich mit diesen Fragen und möglichen Lösungsansätzen im Detail beschäftigt. Besonders später auch im Austausch mit Kolleginnen in der Politik habe ich erkannt, dass das Thema viel mehr Aufmerksamkeit braucht und wir aktiv werden müssen.

Wie kann aus Deiner Sicht eine bessere Vergütung für Künstler*innen aus dem Bereich Musikstreaming gelingen?

Das Streamen von Musik ist im Grunde eine großartige Entwicklung, da es Künstlerinnen und Hörerinnen neue Möglichkeiten eröffnet, Musik zu schaffen und zu konsumieren. Allerdings hat sich die Verteilung der Einnahmen über das Musikstreaming nicht fair mitentwickelt, und das ist meiner Meinung nach unerlässlich. Eine gerechte Verteilung bedeutet, dass wir genau hinschauen, wer welche Titel hört und welche Künstler*innen entsprechend entlohnt werden sollten. Die Gelder, die für Streaming-Dienste gezahlt werden, müssen nämlich vor allem bei denjenigen ankommen, die die Kunst kreieren.

Es ist selbstverständlich, dass große Plattformen als Dienstleister Einnahmen erzielen müssen. Was ich jedoch nicht gutheißen kann, ist, wenn Labels und Anbieter durch unfaire Verhältnisse und Verträge pauschal den Großteil des Ertrags einbehalten, ohne einen künstlerischen Mehrwert zu bieten. Es wäre also wichtig, die Rahmenbedingungen für Vereinbarungen zwischen den beteiligten Parteien auf den Prüfstand zu stellen. Künstler*innen werden häufig noch nach alten Vertragsvorlagen für Plattenverkäufe vergütet, obwohl heutzutage natürlich kaum noch physische Platten produziert werden. Diese veralteten Vertragsstrukturen müssen wir anpassen, um sicherzustellen, dass die Einnahmen gerecht verteilt werden.

Das ist aber nur eine Stellschraube – es gibt weitere Dinge zu beachten, damit Gelder bei den Musiker*innen ankommen. Ein nutzerorientiertes Zahlungssystem auf Streaming-Plattformen könnte hier gerechter sein. Außerdem müssen wir uns ganz grundsätzlich fragen, warum unsere Gesellschaft so wenig bereit ist, Geld für das Kulturgut Musik auszugeben. Wir sind lange damit verwöhnt worden, Millionen von Songs für knapp zehn Euro im Monat zur Verfügung zu haben. Das ist sehr wenig Geld für enorm viel gebündelte künstlerische Leistung. Hier sollten wir also untersuchen, um wie viel die Kosten angehoben werden können, um den kreativen Schaffungsprozess besser zu entlohnen. Auch solidarische Kostenstaffelungen wären beispielsweise denkbar. Auf jeden Fall jedoch müssen wir alle umdenken und bereit sein, für Kultur das Geld auszugeben, was sie auch wirklich wert ist.

Welche weiteren Möglichkeiten siehst Du, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Musikschaffende zu verbessern?

Im Bericht des Parlaments zum „Status of the Artists“ (zu besseren Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Kulturschaffende), den wir im Kulturausschuss erarbeitet haben, haben wir uns besonders intensiv mit der sozialen Absicherung auseinandergesetzt. In Deutschland haben wir die Künstlersozialkasse (KSK), aber es gibt keine europaweite Entsprechung. Ob Menschen von ihrer Arbeit leben können und dabei für die Zukunft oder Eventualitäten abgesichert sind, spielt eine riesige Rolle für ihre berufliche Stabilität und nachfolgend für unsere Kulturlandschaft. Wir müssen die Rahmenbedingungen, in denen diese Arbeit stattfindet, genauer überprüfen, um sicherzustellen, dass grundlegende Regeln herrschen, Unterstützung zur Verfügung steht und keine Knebelverträge entstehen. Besonders am Anfang einer Karriere sind Künstlerinnen oft froh, überhaupt ein Vertragsangebot zu bekommen und unterschreiben daher schnell Konditionen, die nicht in ihrem Interesse sind.

Zusätzlich müssen wir sicherstellen, dass grenzüberschreitende kulturelle Aktivitäten in Europa besser unterstützt werden. Ein konkretes Beispiel ist die Anhebung der 250-Euro-Grenze für nicht zu versteuernde Gagen, die seit Jahren unverändert und mittlerweile nicht mehr angemessen ist. Diese Grenze muss erhöht werden, um den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen gerecht zu werden. Dadurch wird es für Künstler*innen einfacher, grenzüberschreitend zu arbeiten, ohne durch zusätzliches Steueraufkommen belastet zu werden.

Welche Trends siehst Du in der Musikindustrie, die eine große bzw. wichtige Sache werden könnten?

Das große Thema, das dauerhaft ansteht, ist die Digitalisierung. Musikstreaming ist ein Produkt der Digitalisierung, und wir arbeiten daran, dass diese Veränderung nachhaltig und positiv für den gesamten Sektor gestaltet wird. Die nächste große Innovation im gleichen Kontext ist schon voll im Gange, und das ist natürlich Künstliche Intelligenz (KI). Eigentlich müssten wir hier proaktiv vorangehen, Regeln und klare Strukturen schaffen, bevor wir ohne Plan und unvorbereitet in Probleme bei der Umsetzung hineingeraten. Leider muss man jedoch ehrlicherweise sagen, dass wir bereits jetzt spät dran sind: Es gibt schon ernste Probleme wegen nicht reglementierter KI-Nutzung. Viele KI-Systeme erwähnen oder entlohnen Künstler*innen nicht, obwohl sie deren Texte, Musik und Kreationen nutzen, und derzeit gibt es keine einfachen Wege, dagegen Widerspruch einzulegen. Meiner Meinung nach ist das unverschämt und gefährlich.

Das Urheberrecht erlaubt zwar die Nutzung von Inhalten zu Forschungszwecken – die Praxis geht aber schon weit darüber hinaus. Deswegen müssen wir dringend Richtlinien und Vorgaben schaffen. Dabei muss natürlich auch die Frage einfließen, wie mit künstlerischen Werken umgegangen wird, die von einem Menschen aber mithilfe von KI produziert wurden. Der Schaffensprozess sollte auf jeden Fall durch Algorithmen assistiert und bereichert werden dürfen – nur muss das dann unter bestimmten Umständen auch entsprechend gekennzeichnet werden. Diese grundlegenden Fragen müssen wir möglichst bald angehen, damit wir nicht in ein paar Jahren Jahren feststellen, dass wir die Gelegenheit haben vorüberziehen lassen und sich die Situation zum Nachteil der Kulturschaffenden entwickelt hat.

Was würdest Du Musiker*innen für einen Rat mit an die Hand geben?

Sehr bald ist Europawahl und gerade das Thema Musikstreaming kann und muss europäisch geregelt werden - deswegen ist es ein wichtiges Thema für die Wahl. Viele im Musiksektor kennen die bestehenden Probleme, weil sie direkt betroffen sind. Außerhalb der Szene ist jedoch wenig bekannt, wie es um faire Vergütung für Künstler*innen beim Streaming steht. Wir haben im Parlament in den letzten Jahren die ersten Schritte in die richtige Richtung unternommen, aber leider gibt es in der EU-Politik nicht allzu viele Personen, die sich im Detail mit dem Thema beschäftigen und sich dafür einsetzen.

Deshalb möchte ich euch gerade bei dieser Wahl ans Herz legen: eure Reichweite als Musiker*innen ist enorm wertvoll! Nutzt sie, um auf eure eigenen politischen Interessen aufmerksam zu machen. Fans, die Musik hören und lieben, wollen die Menschen dahinter unterstützen; sie möchten, dass diese gut von ihrer Kunst leben können. Nutzt die Europawahl als Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass Musikstreaming fair geregelt sein muss und dass auch Kreative für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden müssen.

Wenn wir alle unsere Stimmen erheben, können wir Aufmerksamkeit erlangen, die sich in politisches Momentum umwandeln lässt. Macht eure Situation zum Wahlkampfthema und zeigt, dass euch dieses Anliegen am Herzen liegt. So können wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Politik handelt und positive Veränderungen für die Kultur- und Musikszene in Europa endlich praktisch umgesetzt werden.

Danke für das Interview, Niklas :)

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