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Web3Music, NFTs, Metaverse – alles nur Hype oder was?

Was für einen Nutzen kann die Blockchain als zugrunde liegende Technologie für Musiker*innen und Musikrechte haben? Sind NFTs tatsächlich eine neue Einnahmequelle oder doch nur wieder ein neuer Weg, um Künstler*innen auszubeuten? Wie funktioniert das und was ist das jetzt eigentlich genau?

Veröffentlicht am
Jan 13, 2023
Autor*in
Amke Block
Gastautorin

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Web3Music, NFTs, Metaverse – alles nur Hype oder was?

NFTs und Metaverse sind echte Buzzwords, gemeinsam mit ihrem Oberbegriff „Web3“ als neuer Evolutionsstufe des Internets. Beim Ranking um den zweifelhafteren Ruf hat allerdings wohl das Wort „Crypto“ die Nase vorn, nachdem einerseits in den letzten Monaten zahlreiche spektakuläre Pleiten von Crypto-Plattformen wie unlängst FTX und andererseits, Spekulation um Crypto-Währungen (allen voran um den Bitcoin) immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt haben. Pyramidensystem, Betrug und Umweltfrevel sind häufige Beurteilungen für den Bitcoin, wie auch für zahlreiche NFT-Projekte.

Stimmt das alles so? Was für einen Nutzen kann die Blockchain als zugrunde liegende Technologie für Musiker*innen und Musikrechte haben?

Sind NFTs tatsächlich eine neue Einnahmequelle oder doch nur wieder ein neuer Weg, um Künstler*innen auszubeuten? Wie funktioniert das und was ist das jetzt eigentlich genau?  

 

Die Ursprünge: Bitcoin, Blockchain & die Bankenkrise

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich zunächst ein bisschen ausholen:

Die Ursprünge des Bitcoins als allererstes Blockchain-Projekt liegen in der Finanzkrise 2008, als ein Geflecht übergieriger Banken durch das Platzen ihrer faulen, ungesicherten Immobilienkredite eine Bankenpleitewelle auslöste und den globalen Finanzmarkt erschütterte. –  Eine Antwort auf das unseriöse Agieren dieser Banken war die Bitcoin-Blockchain, die von ihren anonymen Erfinder*innen mit Decknamen ‚Satoshi Nakamoto‘ in einem sogenannten ‚Whitepaper‘ als eine dezentrale bankenunabhängige Lösung für Finanztransaktionen beschrieben wurde: mit Hilfe der hierfür entwickelten Blockchain-Technologie, einer intelligenten Kombination von Verschlüsselungstechnologien, automatisch ablaufenden Programmen (aka „Smart Contracts") und verteilten Speichern, auf denen gleichzeitig alle (Bitcoin-)Transaktionen in ineinander verkettete Dateienblöcke geschrieben werden, sollte unabhängige und maximale Sicherheit für finanzielle Transkationen entstehen.


Abb. 1: Die Blockchain kombiniert drei seit Langem existierende Technologien

Damit jede Transaktion auch wirklich korrekt ist, validieren die Teilnehmer*innen im Blockchain-Netzwerk die Richtigkeit: der Konsens-Mechanismus in der Bitcoin-Blockchain verläuft nach dem „Proof of Work“-Konzept: alle Teilnehmer*innen sind mit hochkomplexen Rechnungen bei höchster Rechner- und damit Energieleistung beschäftigt, um den nächsten Block mit Transaktionen zu validieren; wer als erstes fertig ist, bekommt eine Belohnung in Bitcoin, alle speichern jeweils auf ihren Rechnern die validierte Transaktion in einem neuen Block in die Speicherkette. Wer also etwas an der Transaktion verändern möchte, müsste alle kryptographisch verketteten Dateien auf den verschiedenen Rechnern gleichzeitig verändern, was faktisch nicht machbar und daher fälschungssicher ist.

Die Konsensform „Proof of Work“ ist allerdings extrem energieaufwändig, weshalb mittlerweile alle Blockchains außer Bitcoin auf energieeffizientere und auch schnellere Verfahren (z.B. „Proof of Stake“) umgestellt haben, die aber ebenfalls fälschungssicher sind.

Die Grundidee des Bitcoin wurde ursprünglich von so vielen aufgegriffen, dass der Bitcoin im Laufe der Folgejahre eine beispiellose hochspekulative Wertentwicklung hinlegte, mit der höchsten Bewertung von über 60.000 Euro pro Bitcoin Ende 2021. Danach ging der Bitcoin wie auch alle anderen unzähligen Crypto-Währungen, die in den letzten Jahren in die Welt gelassen wurden, wertmäßig auf Talfahrt. Der Bitcoin steht derzeit bei um die 16.500 Euro, seine kleine Schwester, Ether, aus dem Ethereum-Blockchain-Netzwerk, ist derzeit für etwa 1.200 Euro pro Stück zu haben.

 

Was hat das nun aber alles mit NFTs, Musik und Web3 zu tun?

„NFT“ steht für Non-Fungible-Token – übersetzt „nicht vertauschbare Token“ – im Gegensatz zu den „fungible Tokens“ oder Crypto-Coins, die als Geld-Metaphern auf Blockchains aufsetzen. Der erste technische Standard für NFTs wurde in der Ethereum Blockchain entwickelt, wo die Entwickler*innen-Community sich auf einen Token, der etwas Einzigartiges repräsentiert, einließ. Die Ethereum-Blockchain unterschied sich von Anfang an dadurch von der Bitcoin-Blockchain, dass ihre „Smart Contracts", die unter definierten Vorbedingungen automatisch ablaufenden Programme, mehr können durften als nur Coin-Transaktionen von A nach B. Die automatischen Programme können dadurch auch komplexere Konditionen abbilden, wodurch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten entstehen, bspw. zur Abbildung von Lieferprozessen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Blockchains, die in ihren Abläufen effizienter, schneller und auch von Anfang an ökologisch nachhaltiger sind als das Ethereum Netzwerk. Sie alle bieten Tokens als Wert-Metaphern, sowohl geldartige Tokens/Coins als auch Repräsentanten von nicht austauschbaren Werten, also NFTs.

 

DEFINITION „Non-Fungible Token“

NFTs sind Blockchain-basierte, programmierbare Zertifikate über Zugangsrechte zu Events und/oder zu Dateien.

Die Anwendungsfälle für NFTs sind vielfältig: sie können für ein digitales Artwork stehen, welches irgendwo als JPEG abgespeichert ist und auf das per Link in dem Token verwiesen wird. Der Token ist in dem Moment eine Art Urkunde, die Auskunft darüber gibt, dass dieses JPEG unter angegebenem Speicherort existiert und wer der/die (derzeitige) Besitzer*in ist.
Da die Urkunde als NFT in einer Blockchain gespeichert ist, ist sie fälschungssicher und auch transparent, sowie für jede*n, der/die will, öffentlich einsehbar. Ein NFT könnte daher auch für Patente oder notarielle Urkunden eingesetzt werden, was in einigen Ländern (z.B. Georgien, Ukraine, Brasilien) auch schon der Fall ist.

Aber auch ein Ticket ist perfekt für die Anwendung: es gibt Zugang für etwas Einzigartiges: ein Event zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, für eine bestimmte Person an einem vorbestimmten Platz. Dieses Event kann beispielsweise ein echtes Konzert oder ein Sport-Event, es kann auch ein virtuelles Ereignis sein.

Letztlich ist auch jedes einzelne Urheberrecht einzigartig und unvertauschbar; NFTs könnten also auch als Repräsentanten von Urheberrechten und verwandten Leistungsschutzrechten sein.

 

Und endlich sind wir bei der Musik

Ein NFT kann also für ein künstlerisches Werk stehen, natürlich auch für ein Werk der Musik oder ein audiovisuelles Werk.  

Der große Hype um NFTs startete Anfang 2021. Dabei waren sowohl visuelle Kunstwerke als auch audiovisuelle Werke gefragt, die gerade anfangs zu irrwitzigen Preisen gehandelt wurden. Der Grund dafür lag vor allem darin, dass die Käufer*innen aus der Kern-Crypto-Community kamen. Sie alle waren schon sehr früh in die Themen Blockchain und Crypto-Coins/Tokens eingestiegen, hatten spekuliert und zum Teil große nominelle Wertsteigerung verzeichnen können.

Die Crypto-Community stand auf neue Anwendungsfälle für die Technologie, die sie toll fanden, hatten aber auch zum Teil einen realistischen Wertbezug zu den Coins/Tokens, die sie für NFTs ausgaben, verloren, auch, weil sie zum Teil nur einen Bruchteil beim Einkauf bezahlt hatten.

Außerdem blieb alles ein Stück weit im Bereich der Finanzspekulation: Es ging nicht um die Kunst (allein) um der Kunst willen, sondern hauptsächlich um ihren spekulativen Wert.  

An dieser etwas reduzierten Draufsicht krankt die Crypto- und Blockchain-Welt bis heute: fast immer wird die Finanz-Brille aufgesetzt, weitere Anwendungen scheinen häufig wertlos, auch, weil sie hinter den spekulativ erzielten Unsummen der Hype-Phase verblassen.

Aber dennoch: Insbesondere die Creator Economy hat mittlerweile zahlreiche Anwendungsfälle hervorgebracht, die auch für Musiker*innen interessant werden: der eher technische Begriff „NFT“ tritt nach und nach verdientermaßen in den Hintergrund, der Nutzen („Utility“) hat seinen großen Auftritt:

Für Musik bzw. Künstler*innen stehen im Moment vier große Anwendungsmöglichkeiten für NFTs im Vordergrund:

·     Digitales Produkt / „Digital Vinyl“

·     Digital Merchandise / POAP

·     Ticketing

·     Crowdfunding mit Beteiligungsmöglichkeiten an zukünftigen Einnahmen

Kern bei allen NFT-Angeboten ist, dass - wie bei allen Produkten - die Fans, die Kund*innen erreicht werden müssen. Kein Produkt, kein Werk, kein Stück Musik verkauft sich von selbst. Es muss die Ohren und Herzen der Kund*innen erreichen.

Ohne Marketing, ohne Kundennähe, ohne Kommunikation mit der Fan-Community wird jedes neue Werk, jedes neue Produkt im digitalen Orkus verschwinden, in der Masse untergehen.

Schillernde Erfolgsbeispiele wie die NFT-Serien der Bored Apes haben einmal mehr gezeigt: gutes Storytelling und perfektes Influencer-und Community-Marketing sind der Dreh-und Angelpunkt für den Erfolg; die Technologie ist hierbei lediglich ein Vehikel.  

Wer einen guten Draht zu seiner/ihrer Community hat, ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg und kann sich auch NFTs zunutze machen.

 

„Digitales Produkt / Digital Vinyl“

Wir alle wissen, dass Einnahmen aus Streaming nur bei wenigen Künstler*innen zur Bestreitung des Lebensunterhalts reichen. NFTs als „Besitzurkunde“ ermöglichen, digitale Produkte zu veröffentlichen, die nicht den Formatvorgaben im Streaming gehorchen müssen. Künstler*innen können sich hier kreativ ausleben, mit anderen kooperieren, große audiovisuelle Ideen umsetzen und diese in limitierten digitalen Auflagen über NFT-Zertifikate verkaufen. Die Käufer*innen merken dabei nicht unbedingt was von der komplexen Technologie im Hintergrund. Mittlerweile gibt es zahlreiche Diensteanbieter, die sich anfühlen wie „normale“ Shops, beispielsweise das Berliner Startup Twelve X Twelve (twlvxtwlv.com), das auch eine Kooperation mit der GEMA geschlossen hat: GEMA Mitglieder erhalten hier vergünstigte Vertriebskonditionen. Der Name bezieht sich übrigens auf das alte 12-Inch Format eines Vinyl-Albums.
Wer erstmal selbst ein bisschen rumprobieren möchte, schaut sich beispielsweise bei der NFT-Launch-Plattform mintbase.io um. Hier kann man günstig NFTs kaufen, aber auch selber einen Shop einrichten.

Allen gemeinsam ist, dass die Künstler*innen vollen Zugang zu ihren Kund*innen-Daten erhalten (natürlich im Rahmen des gesetzlich Erlaubten), was einen wesentlichen Unterschied zur bisherigen „Plattform-Ökonomie“ darstellt, wo die großen Services wie Instagram, Youtube oder TikTok auf den Kundendaten sitzen und Profit aus den von Kreativen erstellten Inhalten und der dadurch erzeugten Reichweite schlagen.

 

Digital Merchandise / POAP

Neben dem „digitalen Vinyl“-Release ist natürlich auch digitales Merchandise denkbar: auch hier sind der Phantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt, allerdings sollte es natürlich irgendwie die Fans ansprechen. Digitalen Sammelkarten hat beispielsweise „Haftbefehl“ über die Plattform Amuzed.io im Angebot, denkbar sind auch Avatare oder Community-Icons.

Digital Merchandise muss auch nicht unbedingt verkauft, sondern kann natürlich erstmal verschenkt werden, um Fans an sich zu binden.

Ein spezielles Phänomen ist POAP (poap.xyz) – kurz für „Proof of Attendance Protocol“: hier können sich beispielsweise Konzertbesucher*innen eine Art Sammeltrophäe als Beweis ihrer Teilnahme am Konzert abholen: die Veranstalter stellen ein Plakat mit einem QR-Code drauf aus, dass die Besucher*innen mit dem Handy scannen und direkten Zugang zum POAP erhalten; natürlich werden ein paar persönliche Daten abgefragt, auf die die Künstler*innen dann Zugriff haben. Sie können so ihren Fans beispielsweise noch kleine Erinnerungsfotos vom Konzert in ihren Account schicken, denn es besteht ein direkter Kontakt. Fans mit besonders vielen POAPs von einer Tournee können dann z.B. ein Extra-Ticket erhalten.

 

Ticketing

Wie bereits erwähnt, sind Tickets ideale Anwendungsbeispiele für NFTs: sie sind digital, eindeutig und unterbinden spekulative Schwarzmarktpreise oder auch gefälschte Tickets. Künstler*innen und Veranstalter*innen können theoretisch an den Wiederverkäufen partizipieren und Zugang zu Käufer*innen-Daten erhalten, was wiederum bessere direkte Fan-Ansprache vor und nach Konzerten ermöglicht.

Es gibt bereits einige NFT-Ticket-Services auch in Europa, z.B. GUTS Tickets aus den Niederlanden oder Mintix.no aus Norwegen, aber auch Biddz.io aus Berlin, die seit neuestem neben Crowdfunding NFTs auch Fantickets anbieten.

 

Crowdfunding über spezielle NFTs

Crowdfunding ist jetzt nichts wirklich Neues: Anfang der 2010er Jahre war es die neue Form von Finanzierung für Künstler*innen – Plattformen wie Patreon haben vielen Künstler*innen ermöglicht, eine andere Form der Vermarktung und des Zusammenspiels ihrer Kunst und den Fans zu finden. Funktioniert hat das damals wie heute nur über eine lebendige Community.

Im Zeitalter der NFTs haben mehrere Plattformen, beginnend mit Justin Blaus (aka 3LAU) Royal.io, gestartet, NFTs zu verkaufen, die Rechte an zukünftigen Einnahmen von Musikwerken einräumen. Hierzulande wird dies von biddz.io und seit Anfang dieses Monats auch von 360Xmusic.com, dem Mutterunternehmen von twlvxtwlv.com angeboten. 360Xmusic.com kooperiert hierfür sogar mit der GEMA und hat zur rechtlichen Absicherung des Angebotes sogar einen sogenannten Security-Token herausgebracht; solche Securities kommen aus dem Finanzmarkt und benötigen eine Lizenz der Bundesanstalt für Finanzen BAFIN, denn letztlich handelt es sich hier um Optionen für zukünftige Geldströme, ähnlich wie bei Aktien-Optionen.  

 

Community First!

Alle NFT-Arten haben gemeinsam, dass sie letztlich die Fan-Community ansprechen: Eure Fans und Super-Fans, die bereit sind, Euch Künstler*innen mit mehr als Streams bei Spotify oder Youtube zu unterstützen. Natürlich müssen alle Angebote an die Fan-Community stimmig sein, Artist und Fan müssen diese gleichermaßen verstehen bzw. dahinter stehen.

Im Web3 ist jede*r Teilnehmer*in, also Personen, Software, Smart-Contract-Programme und auch Dinge durch Crypto-IDs identifiziert, wodurch jede*r Teilnehmer*in, jedes Ding direkt angesteuert werden kann. Nur durch diese eindeutige ID kann auch ein eindeutiger zugehöriger Wert zugeordnet werden. Genau dafür steht auch der Begriff Internet of Value (IoV), der wie der Begriff Web3 als Bezeichnung für die neue Evolutionsstufe unseres Internets verwendet wird.

Natürlich müssen alle Aktivitäten bestehenden Gesetzen unterliegen, das Internet ist auch in der Zukunft kein rechtsfreier Raum; wer NFTs nutzt, muss die Regeln kennen und auch das Kleingedruckte in den AGBs lesen. Nur dadurch ist definiert, welches die Nutzungsbedingungen sind; das gilt sowohl für die Kreativen als auch für die Konsument*innen.
NFTs sind technische Werkzeuge, die digitale Produkte und direkten Kund*innen-Kontakt fördern und unterstützen können. Als solches sind sie ein großartiges Tool für Künstler*innen und Kreative, um ihren Followern und Fans neue digitale Produkte anzubieten.

Und wir sind heute noch ganz am Anfang dieser Entwicklung.

Photo Credit Abbildung 1: https://media.coindesk.com/uploads/2017/03/3-techs-of-a-blockchain.jpg

Photo Credit Titelbild: © istock/Andrei Metelev

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